
Als wir über Turkmenistan und West-Usbekistan flogen und die trockene und bergige Landschaft unter uns sahen, waren wir auf der einen Seite froh, nicht durch diese entlegene Region radeln zu müssen. Dennoch waren wir auf der anderen Seite ein wenig traurig, da wir so nicht mehr die langsamen Veränderungen in Landschaft und Kultur erleben konnten.
Am Flughafen in Tashkent angekommen, fühlten wir uns so wie in eine anderen Welt versetzt. Sprachlich gesehen war die Umstellung theoretisch nicht so gross. Die uzbekische Sprache ist der Türkischen sehr ähnlich, wird aber zumindest in Tashkent kaum gesprochen (nicht, dass unser Türkisch sehr gut wäre). Mit Englisch, Deutsch oder Spanisch kommt man hier fast genau so weit wie mit Neu-Suaheli. Hier wird russich gesprochen und ein Wort lernt man hier ganz scnell: „Niet“ (=Nein). Als wir versucht haben eine Tourist Information am Flughafen zu finden war die Antwort: NIET! Ein Hotelzimmer ? NIET! Ein Geldautomat: NIET! (es sollte uns zwei Tage später über vier Stunden kosten, den einzigen funktionierenden Geldautomaten in wahrscheinlich dem ganzen Land zu finden).
Schnell realisierten wir, dass in diesem Land alles wesentlich länger dauert, als wir es gewohnt sind. Das schreiben einer Email dauert hier Ewigkeiten, da die Verbindungen selbst in der Hauptstadt extrem langsam sind. Das Updaten unsere Homepage dauerte fast über zwei Wochen, da der Internetzugriff ähnlich wie in China zensiert ist und so viele Inhalte und Verbindungen geblockt sind. Wie durch ein Wunder war es uns dann im achten (!) Internetcafe dann doch möglich uns auf unserem Webspace einzuloggen und jeweils eine Datei hochzuladen, bevor die Verbindung unterbrochen wurde und wir uns neu einloggen mussten.
Am frustrierensten war der Versuch, ein Visum für China zu bekommen. Der Wachmann vor der Botschaft hat uns erst gar nicht in das Gebäude gelassen, um einen Antrag zu stellen. Auf russisch erklärte er uns, dass wir in Flugticket brauchen. Nach weitergehender Recherche fanden wir dann heraus, dass wir ebenfalls eine Hotelreservierung benötigen. Natürlich gibt es keine dieser Informationen auf der Homepage der chinesischen Botschaft. Dort wird lediglich empfohlen, persönlich bei der Botschaft zu erscheinen. Emails blieben natürlich ebenfalls unbeantwortet. Somit werden wir der Empfehlung des Wachmanns (und der anderer Reisender) folgen und in Bishkek, Kirgistan erneut versuchen einen Antrag zu stellen, wo wir angeblich kein Flugtiket, sondern nur eine schriftlichen Einladung brauchen (die aber für wenig Geld leicht zu bekommen sein soll). Wer weiss, ob wir überhaupt nach China können…
Nach Tagen voller Hin und Her haben wir unsere Fahrräder im Bahnhof von Tashkent verstaut und sind mit dem Nachtzug nach Bukhara gefahren. Die Fahrt war ein Erlebnis für sich. Da wir Tickets für die zweite Klasse hatten, sassen wir mit einer ganzen Reihe Einheimischer in einem Abteil und waren natürlich die Attraktion. Ein zwölf jähriger Junge, der ganz gut Englisch sprach, diente dabei als Dolmetscher.
Bukhara ist eine wunderschöne 2510 Jahre alte Kaarawanenstadt in der Wüste. Dort besichtigten wir den 2500 alten Emirs Palast, der ursprünglich den Karawanen als Zwischenstopp auf ihrem Weg entlang der Seidenstrasse diente, und besuchten viele alte Moscheen und Medressas. Bukhara war das Zentrum des Islams in Zentralasien während verschiedenen Epochen – im neunten, zehnten und 16. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert befanden sich hier über 10.000 Schüler in über 100 Medressas – eine Islamisch – Theologishe Schule, in welcher die Schüler alles über die Religion und den Koran lernen. Während der Jahrhunderte wurde die Stadt durch Tschings Khan und die Bolschewiken zerstört und umgebaut, doch trotzdem hat die Stadt nicht viel von ihrem Glanz verloren.
Aber besser als alle Sehenswürdigkeiten waren zwei Einladungen zum Essen bei Einheimischen. Die Gastfreundschaft hier ist unbeschreiblich. Die erste Familie trafen wir, als wir gerade auf dem Weg zu unserer Unterkunft durch ein paar kleine Seitenstrassen schlenderten, als uns plötzlich Manzun, ein junger Mann auf Deutsch ansprach und auf einen Tee in seinem Haus einlud – was letztendlich ein mehrere Gänge langes Abendessen mit Brot, Suppe, Wang Tans und Wassermelonen war. Dabei sassen wir mit der gesamten Familie auf einem gemütlichen Tapchan, einer übergrossen Holzplattform mit einem Tisch in der Mitte und unzähligen Kissen drum herum, auf welchem gut acht Personen Platz finden. An einem anderen Abend lud uns Jungsun, eine koreanische Lehrerin, die wir über couchsurfung kennen gelernt haben, zu ihrer Gastfamilie ein. Auch hier hatten wir ein fantastisches Abensessen mit einer Menge lokaler Spezialitäten – eine Art Knödel, Joghurt-Minz Suppe, saftige Melonen und Nüsse. Dazu gab es wie immer reichlich Tee. Da die meisten Häuser hier um einen Innenhof herum gebaut sind, der als im Abend als Wohn- und Esszimmer dient, genossen wir an beiden Abenden das Essen unter dem Sternenhimmel.
Von Bukhara aus fuhren nach Samarkand gefahren – eine weitere wunderschöne Stadt entlang der Seidenstrasse. Unter Amir Timur wurde sie im 13. Jahrhundert zur Hauptstadt. Wie in Bukhara gibt es auch hier eine Menge Medressas uns Moscheen mit den für hier typisch blau gefliesten Kuppeln zu bestaunen. Am beeindruckensten waren das Mausoleum Timurs, dessen Inneres übersät mit goldenen Schriftzügen und Mosaiken ist, sowie die Avenue of Mausoleums, eine Reihe kleinerer aber sehr schöner Mausoleen, in denen bedeutende Leute aus den unterschiedlichsten Epochen begraben sind.
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Alle negativen Impressionen von Usbekistan die wir während unseres Aufenthaltes in Tashkent hatten, verschwanden als wir durch die ländlicheren Gegenden radelten. Östlich von Tashkent fanden wir die freundlichsten und grosszügigsten Menschen, die wir je getroffen haben. Jeden Tag wurden wir aufs Neue von der Freundlichkeit und Gastfreundlichkeit überrascht.
Am ersten Abend an dem wir wieder „on the road“ waren, haben wir auf dem Gelände einer Tankstelle gezeltet, auf welchem uns der Besitzer mit reichlich Tee, Süssigkeiten und sogar gegrilltem Fleisch verwöhnte. Am folgenden Tag fanden wir einen wundervollen Platz zum Zelten direkt am Fluss, wo wir Leute trafen, die gerade eine Pause machten. Es dauerte keine zwei Minuten, bis wir alle mit einem Stück Melone in der Hand vor ihrem Auto sassen und versuchten uns zu unterhalten. Wir kommunizierten mit ein paar Wörtern aus unserem Phrasenbuch, einem Pictue-it Buch (das Bilder von vielen Gegenständen enthält, die man auf der Reise braucht, z.B. Zelt, Auto, Bett, Nudeln etc. .Wirklich sehr hilfreich und jedem Reisenden nur zu empfehlen) und ein paar Bildern von unseren Familien, die wir von zu Hause mitgebracht haben. Bevor sie sich auf ihren weiteren Weg machten, bekamen wir noch eine Melone in die Hand gedrückt: “Fürs Frühstück“.
Am nächsten Tag machten wir uns auf, um über einen 2300 Meter hohen Pass zu fahren. Auf dem Weg wurden wir von unzähligen Leuten aus dem fahrenden Auto gegrüsst und nicht wenige Leute stoppten um ein Foto mit uns zu machen. Von jetzt auf gleich hatten wir den Status von Stars, mit denen jeder reden und ein Foto haben wollte. Interessanter wurde die ganze Geschichte durch unsere sehr begrenzten russischen und usbekischen Sprachkenntnisse. Es war dennoch unglaublich.
Ein weiteres Highlight war unser Aufenthalt in Budjay, im Rishtan Bezirk. Am späten Nachmittag hielten wir dort Ausschau nach einem Platz, an dem wir unser Zelt aufschlagen konnten. Wir waren bereits einen kleinen Feldweg hinein gefahren, konnten dort aber keinen geeigneten Platz finden. So beschlossen wir etwas weiter zu fahren und nach einem besseren Platz Ausschau zu halten. Wir fuhren langsam durch das Dorf, in der Hoffnung ein Quartier für die Nacht zu finden, als plötzlich ein Mann auf dem Fahrrad neben Mario fuhr und in gutem Englisch fragte, ob wir nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchen. Er hatte uns auf dem Feldweg gesehen und gewusst, wonach wir suchten. So hatte er nicht lange gezögert und ist auf seinem Fahrrad hinter uns her gefahren, um uns einen Platz auf seiner Farm anzubieten. Während der nächsten eineinhalb Tage wurden wir Freunde mit ihm, während er sich als aussergwöhnlicher und grosszügiger Gastgeber zeigte. Von Nadir erfuhren wir auch, dass in der usbekischen Kultur Gäste wie der Vater der Familie behandelt werden – d.h., wie ein König. Soweit wir gelesen und von anderen Reisenden gehört haben, glauben wir, dass der Stellenwert der Gastfreundschaft weit über Usbekistan in alle muslimischen Länder hinaus geht: andere Reisende berichteten über die gleiche Gastfreundschaft in der Türkei (wie auch wir bei Latif erfuhren), Iran und Tadschikistan. Aber, das sind nur unsere Spekulationen. Was wir mit Sicherheit wissen ist, dass Nadir uns verwöhnt hat und sehr daran interessiert war, uns über das Leben in diesem Teil der Erde zu erzählen. Wir besichtigten seine 45 Hektar grosse Farm und sahen all die verschiedenen Dinge, die er auf der Farm anpflanzte: Mulberry Bäume, deren Blätter an die seidenproduzierenden Raupen verfüttert werden, Baumwolle, Wassermelonen, Mais, Weizen, Tomaten, Grünfutter für das Vieh, Pappeln für den Hausbau, 840 Enten und einige Kühe und Schaafe. Wir unterhielten uns Stunden über unsere Leben – verglichen was gleich und was anderes in unseren Ländern ist. Zwischen und während den Unterhaltungen gab es Essen, Essen und noch mehr Essen. Wir genossen die Zeit mit ihm, konnten aber nicht länger bleiben, weil wir ihm nicht zur Last fallen wollten und unser 30-Tage Visum für Usbekistan sich dem Ende zuneigte. Ansonsten wären wir bestimmt noch auf Nadirs Farm geblieben und würden versuchen ihn zu überreden, ihm bei seiner Arbeit zu helfen (wir haben es geschafft ein paar Reihen Unkraut zwischen den Pappeln zu jäten, doch Nadir erlaubte uns nicht mehr, weil „Gäste arbeiten nicht“).
In Farghana besichtigten wir gleich zwei Seidenfabriken, in denen wir viel über die Herstellung und Verarbeitung von Seide erfuhren. Wir bekamen zu sehen, wie die Seidencocons zuerst gekocht und dann das Garn gewonnen und später verarbeitet wird. Es war erstaunlich zu sehen, dass nahezu alle Arbeit von Hand gemacht wird. Zwar gibt es in den Fabriken auch Maschinen zum weben von Seide, doch diese produzieren nur unwesentlich mehr Stoff pro Tag und das in schlechterer Qualität, als die Handarbeit.
Später in Farghana trafen wir Said, der perfekt Englisch spricht und seinen Freund Nadir. Die beiden halfen uns durch eine zwei Stunden Odyssee ein Packet nach Deutschland zu schicken (es gab keinen Karton im Postamt zu kaufen, so liefen wir durch die halbe Stadt um letztendlich einen Karton in einer Apotheke zu finden und Verpackungsmaterial und Klebeband auf dem Basar zu organisieren. Vor den Augen der Postbeamten mussten wir alles einpacken und dann wieder in die Stadt laufen und das Packet in einen Stoffsack einnähen lassen. Zurück im Postamt wurden einige Zettel ausgefüllt, ein paar Dicke Wachssiegel draufgedrückt und das Packet war fertig zum versenden – dachten wir. Am nächsten Tag unmittelbar vor der Grenze sollte Said uns anrufen und mitteilen, dass das Packet nicht verschickt werden kann, da es mögliches Kulturgut enthält (für hier typisches und hergestelltes Porzelangeschirr, das nicht mehr Wert war als zwei Kilo Tomaten auf dem Basar) und dieses ein Zertifikat vom Museum benötigt, damit es ausgeführt werden darf). Das Ende dieser Odyssee begossen wir mit ein paar Bieren und das für hier typische Schaschlik und hatten lange und sehr interessante Gespräche.
Auf dem Weg zur Grenze am nächsten Tag halfen uns wieder unzählige Leute den richtigen Weg zu finden, boten uns Essen und Schlafmöglichkeiten an. Etwas traurig passierten wir am Abend die Grenze zu Kirgistan, stark beeindruckt über die Grosszügigkeit und Freundlichkeit in Usbekistan, wo die Leute weit weniger besitzen als wir und doch ohne zu zögern das Wenige, dass sie haben, teilen. Im Gegensatz zu den Ländern, aus denen wir kommen. Wo die Leute so viel mehr besitzen und doch viel weniger geben – uns selbst eingeschlossen. Wir hoffen, das für uns nach der Rückkehr dieser Reise zu Ändern.
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Noch mit den wundervollen Erinnerungen aus dem Ferghana Valley im Kopf und voller Vorfreude auf das, was noch vor uns lag erreichten wir Osh, wo wir einige Tage damit verbrachten uns auf den naechsten Abschnitt unserer Reise vorzubereiten.
Dabei bekamen wir eine leichte Vorahnung von dem was vor uns lag als wir einen anderen Biker trafen der gerade aus der entgegengesetzten Richtung kam, in welcher wir ueberlegt hatten das Land zu durchqueren. Jeffs Worte waren: “The roads are terrible! I consider myself a strong man, but they made me want to cry!” . Nichts desto trotz hielten wir an unserer geplanten Route fest.
Auf dem erstaunlich grossen Osh-Markt deckten wir uns reichlich mit getrockneten Fruechten und Nuessen fuer unseren naechsten Streckenabschnitt ein und machten uns auf den Weg. Wir brauchten zwei Tage auf gut ausgebauten Strassen um nach Jalal-Abad zu kommen. Da Sheri sich den Magen verdorben hatte, blieben wir dort ein paar Tage laenger als geplant.
Nachdem Sheri sich wieder besser fuehlte machten wir uns endlich auf in Richtung Berge mit der Hoffnung in sechs Tagen Kurtka (ein Dorf am Fusse des Song Kol Plateaus) zu erreichen. Am Ende sollten wir zehn Tage brauchen.
In zwei Tagen erreichten wir den Anfang des ersten Passes und zelteten, wie noch viele Male spaeter, an einem wundervollen Platz an einem Fluss. Den gesamten naechsten Tag fuhren wir dann langsam Kehre um Kehre den Berg hinauf und erreichten den 3000 Meter hohem Pass am Spaetnachmittag. Die Auffahrt war dank der Kehren weit weniger anstrengend als erwartet und auch die Strasse war zwar unbefestig aber dennoch akzeptabel.
Doch nach einer erholsamen Nacht kurz unterhalb des Passes wurde uns klar was Jeff mit "terrible roads" meinte. Der relative glatte Oberflaechenbelag der Strasse wich immer mehr und mehr Steinen, Sand und Waschbrettpisten, wodurch unser Tempo bei der Abfahrt auf durchschnittliche 11 Km/h gebremst wurde. Voellig durchgeschuettel und mit gluehenden Bremsen schlugen wir bereits nach 35 Km unser Lager auf. Nach diesem Tag wurde uns langsam klar, auf was wir uns eingelassen hatten.
Leider stellten wir auch schnell fest, dass die Leute in dieser Region nicht annaeherend so freundlich und hilfsbereit wie ihre uzbekischen Nachbarn sind. Wir begegneten betrunkenen Maennern die uns nach "Jin Jin" (Geld) oder Zigaretten fragten, poebelnden Jugendlichen und vielen starrenden und unfreundlichen Gesichtern. Wir koennen mit Worten nicht genau ausdruecken was genau es war, das wir empfanden, aber wir koennen wohl sagen, dass wir den Leuten lieber aus den Weg gingen. Auch bedeutete die Naehe von Menschen oft die Anwesenheit von Hunden, die uns mehr als einmal gejagt haben. Wir haben immer ein paar Steine dabei gehabt, die wir im Notfall in Richtung der klaeffenden Hunde geschmissen haben. Wir sind zwar nie gebissem worden, aber dennoch war es immer ein kleiner Nervekitzel wenn ploetzlich ein oder mehrere ausgewachsene Hunde laut bellend auf uns zu und eine Weile hinter uns herliefen.
Aber wir trafen auf unserem Weg auch andere interesstane Reisende, unter anderem drei Paare mit Allradfahrzeugen: einem Land Rover Defender (Schweiz), ein Toyota Landcruiser (Frankreich) und ein undefinierbares Vehikel, dass einem Mad-Max Film entsprungen zu sein schien und wohl so ziemlich alle Strassen dieser Welt meistern kann (Schweiz). Jedes Mal wenn wir einerm Fahrzeug begegneten wurden wir doch ein wenig neidisch auf all den Luxus den ein Auto bietet und weckte in uns den Traum eines Tages auch ein solches Fahrzeug zu besitzen und damit andere Länder zu erkunden. Aber vorerst werden wir unseren Raedern die Treue halten.
Weniger Meter vor dem zweiten Pass trafen wir Chris, ebenfalls aus Deutschland und mit dem Fahrrad unterwegs. Wir schlugen unsere Zelte nebeneinander auf und redeten bis weit nach Mitternacht unter einem klaren Sternenhimmel ueber unsere Reiseerlebnisse. Am naechsten Tag trennten sich unsere Wege dann wieder (Chris fuhr in die entgegengesetzte Richtung) und wir fuhren weiter in Richtung Kurtka, wo wir am Abend ankamen.
In Kurtka arrangiereten wir Pferde und einen Guide und ritten zum Song Kol See. Die Fahrraeder liessen wir uns per Auto hinterherbringen. Song Kol ist ein See auf ueber 3000 Meter, weit ueber der Baumgrenze, umgeben von hohen Bergen.
Abgesehen von der Abwechslung mal auf einem Pferd anstatt auf einem Drahtesel zu sitzen, war die Landschaft atemberaubend. Wir ritten ein Tal hinauf und die Landschaft verwandelte sich von einer trockenen Wueste in einen gruenen Wald und anschliessend in ein mit Gras bedecktes Hochplateau. Wir brauchten zwei Tage bis zum See und campten in der ersten Nacht bei einer Schaafshirtenfamilie die in ihrer Jurte lebte. In Kirgistan werden Schaafs-, Kuh-, Ziegen- und Pferdeherde im Sommer auf die hoeher gelegenen gruenen Wiesen getrieben und die Schaafshirten leben mit ihren Familien in Jurten - grosse zeltartige Unterkuenfte die aus Schaafshaut hergestellt werden. Da sie mit Schaafsfett eingerieben werden, sind sie voellig Wasser- und Winddicht. Teppiche an den Waenden und auf dem Boden machen sie ziemlich gemuetlich. Ein Ofen dienst als Heizung und Kochstelle und sorgt dafuer, dass immer genuegend Chai (Wort fuer Tee; das Nationalgetraenk) warm ist. Wir schlugen unser Zelt neben der Jurte der Familie auf und wurden von Ihnen zum Tee und Abendessen in ihre warme Jurte eingeladen. Wir genossen es dem Familienleben zuzuschauen, wie die beiden Eltern mit ihren drei Kindern spielten, waehrend wir versuchten mit unsere paar Brocken russisch, unserem "Picture it" Buch und den Fotos von zu Hause eine Konversation zu haben.
Am naechsten Morgen bekamen wir sogar Fruehstueck von ihnen serviert: Kartoffeln frisch aus dem Garten gepflueckt und dazu natuerlich: Chai. Zum Abschied bekamen wir noch ein paar Snacks eingepackt und wir setzten unseren Weg zum See fort. Dieser Erfahrung war besonders fuer uns, da sie nicht Bestandteil der "Tour" war. Touristen in Kirgistan koennen dank einer Organisation namens CBT (Community Based Tourism) in Jurten uebernachten. Das Geld das man hierfuer bezahlt geht an die Gastfamilie. Doch die Familie, bei welcher wir uebernachteten kooperierte ganz klar nicht mit dieser Organisation, sondern lud uns aus reiner Gastfreundlichkeit ein.
Am Song Kol uebernachteten wir dann bei einer Familie in einer Jurte; organisiert durch CBT. Obwohl es immer noch nett und eine Erfahrung war, so war es doch merklich anderes als noch am Abend zuvor. Wir fuehlten uns mehr wie in einem Hotel und bekamen dies und das serviert anstatt teil des Familienlebens zu sein.
Nichtsdeto trotz denken wir, dass CBT eine tolle Sache ist, von denen Touristen und die Einheimischen provitieren. Da die Wirtschaft nach dem Zerfall der Sovietunion am Boden liegt, bietet es den Menschen eine Nebeneinkunft und auch die Touristen bekommen einen wesentlich besseren Einblick in das Familienleben als es moeglich waere, wenn man in einem Hotel uebernachtet.
Am Song Kol angekommen wanderten wir auf einen hoeher gelegenen Berg in der Naehe der Jurte, von wo aus wir einen guten Ausblick hatten. Das flache Ufer des See erstreckt sich kilometerweit bis zu den umliegenden Bergen, ausschliesslich bedeckt mit Gras. Egal in welche Richtung wir schauten, ueberall sahen wir Kuh- und Schaafsherden, Pferde die frei herumliefen und Kuehe, Hunde und vereinzelt ein Esel waren zu hoeren. Als die Sonne verschwand, verstaerkte sich der Wind und die Temperatur fiel schnell, sodass wir den Huegel herunterliefen um in unsere warme Jurte zu kommen.
Als wir am naechsten Tag um den See fuhren, blies der Wind und dunkle Wolken hingen in der Luft. Es war ziemlich kalt. Bevor wir die Hochebne verlassen konnten, mussten wir noch einen 3500 Meter hohen Pass erklimmen. Kurz hinter dem Pass fing es dann an zu hageln und Sheri konnte weder Haende noch Fuesse fuehlen und so schlugen wir unser Zelt nur kurz unterhalb des Passes auf. Sheri verkroch sich in ihrem Schlafsack und eine heisse Suppe und ein paar mit heissem Wasser gefuellte Nalgene-Flaschen waermten sie wieder auf. Die bittere Kaelte spuerten wir dank unserer Daunenschlafsaecke zum Glueck nicht. Am naechsten Tag setzten wir unsere Abfahrt die holprige Piste runter fort. Das Wetter hatte sich nicht gebessert und es regnete eine ganze Weile, bis wir endlich gegen Mittag ein Loch in den Wolken fanden und eine Pause zum Mittagessen kochen einlegten. Danach waren es nur noch wenige Kilometer bis wir endlich wieder eine geteerte Strasse unter den Raedern hatten. Wir kuessten den Boden vor Freude! Der weitere Weg fuehrte 30 Kilometer abwaerts in Richung Kochkor. Was fuehr ein Fahrvergnuegen!
Wir verbrachten zwei Naechte in Kochkor, schliefen aus, genossen die warme Dusche und endlich wieder anderes Essen als Nudeln und Brot.
Von dort aus fuhren wir mit einem Taxi nach Bishkek, wo wir weiter entspannten und uns auf Kirgistan Teil 2 vorbereiteten.
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In Bishkek angekommen verbrachten wir einige Zeit damit den naechsten Abschnitt unserer Reise vorzubereiten. Unser ursprünglicher Plan war von Kirgistan aus nach Kashgar in China zu fahren. Von dort aus sollte es dann weiter in Richtung Tibet gehen. Doch aufgrund einiger Schwierigkeiten änderten wir unseren Plan. Als erstes gab es noch immer Probleme mit dem chinesichen Visum. Wir hatten gehört, dass nach den Unruhen in Urumqui jeder, der in Bishkek ein chinesiches Visum beantragte persönlich beim Botschafter Vorsprechen musste. Eine andere Vorraussetzung für das Visum ist ein Flugticket und Hotelreservierungen in China. Aber selbst wenn wir das chinesische Visum gehabt hätten, wäre es immer noch nicht klar gewesen, ob wir das Permit für Tibet bekommen hätten. Weiterhin wäre die Grenzüberquerung auf unserer bevorzugten Route (Torrugart Pass) recht teuer geworden. Da es nicht erlaubt ist mit dem Fahrrad die Grenze zu überqueren, hätte uns auf den letzten Kilometer vor der Grenze ein Taxi aufladen und bis zu Grenze bringen müssen. Von da aus hätten wir über die Grenze gehen und anschliessend hätte uns auf der anderen Seite ein chinesisches Taxi abholen und einige Kilometer von der Grenze wegbringen müssen, bevor wir hätten weiterradeln dürfen (Fahrrad fahren ist in China erlaubt, lediglich die Grenzüberquerung auf einem Fahrrad nicht!). Dieser ganze Bloedsinn hätte uns einige hundert Dollar gekostet.
Diese Ungewissheiten und Komplikationen führten uns zu der Entscheidung die ganze Geschichte mit China zu vergessen und direkt in das Land zu fliegen, auf das wir uns schon seit langem gefreut haben: Nepal. Somit verbrachten wir einige Zeit damit alles für den Flug dorthin zu organisieren und genossen ein wenig die Vorteile einer grösseren Stadt: gutes Essen. Man kann zwar nicht gerade sagen, dass Bishkek eine kulinarisches Mekka ist, aber immerhin fanden wir dort mehr als naan und Schaschlik. Während unseres Aufenthalts in Bishkek wohnten wir im Sakura Guesthouse, wo wir eine Menge netter Leute kennen lernten, unter anderem auch den ein oder anderen long Distance Biker. Es war interessant zu sehen wie viele Leute sich hier die Zeit vertrieben, weil sie auf irgendein Visa warteten. So ziemlich jeder von ihnen hatte die ein oder andere Geschichte über den bürokratischen Wahnsinn in diesem Teil der Erde zu erzählen.
Von Bishkek aus teilten wir uns zusammen mit Ken, einem Australier den wir im Sakura Guest House kennen gelernt haben ein Taxi nach Karakol. Dies liegt auf der östlichen Seite des Issy Kol Sees, welcher nach dem Titicacca See in Bolivien der zweitgrösste Bergsee der Welt ist.
Von dort aus machten wir einen Trekkingausflug in das wunderschöne Tian-Shan Gebirge. Wir wanderten bis nach Aksai, wo wir zwei Nächte verbrachten. Obwohl es erst Anfang September war, war dort bereits soviel Schnee gefallen, dass wir den Gebirgspass, über welchen wir vorhatten zu wandern, nicht überqueren konnten. Anstatt dessen machten wir einige Tagesausflüge. Der Vorteil des vielen Schnees aber war, dass die Berge mit viel Schnee bedeckt waren, was uns einen tollen Anblick bot.
Nach Karakol fuhren wir nach Bokombajevo, ein kleines Dorf im Süden des Issy Kol Sees, wo wir einen zwei Tage langen Ausritt mit Pferden in das Tian Shan Gebirge machten. Wir ritten auf über 3000 Meter und bekamen einmal mehr Eindrücke vom Leben der kyrgisischen Schaafshirten. Die Sommersaison ging gerade zu Ende uns so sahen wir eine Menge Familien, die ihre Jurten abbauten und ihr Vieh in die tiefergelegenen Regionen trieb. Am abend kochte unser Guide Jecky uns ein gutes Essen und anschliessend campten wir wieder einmal mehr unter einem Meer von Sternen.
Am 16. September waren wir wieder zurück in Bishkek, im Sakura Guesthouse. Dort trafen wir auf Piotr, unseren alten Freund, den wir bereits in Bukhara, Uzbekistan getrffen hatten. Auch er hoffte durch China radeln zu können (im Gegensatz zu uns war er noch optimistisch ein Visum zu bekommen und hielt an seinem Plan durch China zu fahren fest). Zusammen mit ihm und einigen anderen feierten wir Marios Geburtstag am 19. bis spät in die Nacht hinein. Nach nur einigen Stunden Schlaf holte uns am nächsten Morgen ein Taxi ab, das uns zum Flughafen in Almaty brachte. Von dort aus flogen wir über Delhi nach Nepal.
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