
Viele Leute haben uns gefragt, wie wir uns auf einen solche Fahrradtour vorbereiten haben. Unsere Antwort: "mmhh, mit Bier trinken ??". Wir dachten, dass es als Training ausreichen würde, wenn wir uns auf unsere Fahrraeder setzen uns losfahren würden. Unsere Körper würden sich mit der Zeit schon daran gewöhnen und wieder in Form kommen. :-) Ernsthaft: Wir haetten gerne trainiert, aber mit den ganzen Vorbereitungen und to-dos (siehe Vorbereitungen) blieb einfach keine Zeit mehr dafür übrig. Also war der Streckenabschnitt durch Deutschland und Österreich unser Training.
Deutschland und Österreich waren die idealen Plaetze hierfür. Nirgendwo sonst in der Welt findet man wohl sonst so viele Fahrradwege und Beschilderungen. Wir fuhren zu 99% auf Fahrradwegen und die Beschilderungen waren hervorragend. Wir sind teilweise sogar ohne Karte gefahren, nur den Schildern folgend. Ein guter Beweis dafür, wie gut die Beschilderungen sind, lieferte Raimond, ein verrückter Texaner, den wir unterwegs getroffen haben. In einem Notizblock hatte er lediglich eine Liste mit ein paar Ortsnamen bei sich, denen er immer folgte. Das reichte aber aus, um ihn von Düsseldorf bis nach Wien zu bringen.
Nicht durch die Navigation abglenkt, konnten wir uns auf andere Dinge konzentrieren. Wie zum Beispiel: Essen. Schnell wurde deutlich, dass unsere Gewohnheit bei einer Fahrradtour nur ein paar Müsliriegel und eine Banane mitzubringen, bei weitem nicht ausreicht. Da wir Stunden auf dem Rad sitzen und das ganze Gepaeck durch die Gegend kutschieren, brauchen jede Menge Essen. Und da Sheri schnell schlecht gelaunt wird, wenn sie hungrig ist, musste hier ganz schnell Abhilfe geschaffen werden. So übernahmen wir die Gewohnheit der Hobbits und haben seitdem ein "Zweites Frühstück". Um aber im weiteren Verlauf des Tages nichts weiter zu riskieren, wird dann spaetestens alle zwei Stunden für eine weitere Mahlzeit gestoppt. Nachdem dieses Problem geloest war, galt unsere Aufmerksamkeit unseren Hintern. Diese waren seit langem nur noch die gut gepolsterten Bürostühle gewohnt. Es war eine dementprechende Umstellung diese dann auf die harten Ledersaettel (die auch noch eingefahren werden mussten) zu betten. Unsere Brookssaettel waren von anderen Bikern hoch gelobt worden, doch uns kamen schon bald Zweifel auf. Wir haben immer noch nicht herausgefunden, ob unsere Hintern sich endlich den Saetteln, oder die Saettel sich unseren Hintern angepasst haben. Wie auch immer, nach einigen Wochen fühlten wir uns endlich wohl auf unseren Saetteln.
Waehrend wir uns an unsere neues Leben und die kleinen, taeglichen Ritualte gewoehnten, fuhren wir an kleinen Bauernhöfen, beeindruckenden alten Burgen und Schlössern vorbei. Wir starten am Rhein, wo es schien, dass jeder zweite Deutsche vor rund 500 Jahren wohl der Besitzer einer Burg gewesen sein muss. Der Blick vom Schloss Rheinfels erinnerte uns sehr an eine Modelleisenbahnlandschaft: in der Mitte der Rhein mit einigen Schiffen, auf beiden Seite eine viel befahrene Zugstrecke, auf den darueberliegenden Haengen ein paar Burgen und irgendwo ein Kirchturm, der jede halbe Stunde schlug. Auch auf unserem weiteren Weg war es faszinierend zu sehen, wie die Schiffe und Zuege Tag uns Nacht wie Ameisen gleich Gueter von A nach B bewegten.
In Wiesbaden haben wir den Rhein verlassen und sind in Richtung Osten, dem Main folgend nach Frankfurt gefahren. In Wertheim sind wir dann Richtung sued-ost abgebogen und der Tauber und anschliessend der Altmuehl bis nach Kelheim gefolgt. Wesentlich kleiner als der Rhein, bot die Altmuehl einen starken Kontrast zum beradigten Bild des Rheins. Die Altmuehl fliesst wesentlich natuerlicher und die Wiesen links und rechts waren uebersaet mit bunten Blumen. Fasane, Gaense, Enten und Stoerche waren ueberall mit ihren Jungen zu sehen. Aus allen Richtungen hoerten wir Voegeln singen und zwitschern und wir wurden sogar Zeugen einer kleinen Flugshow eines Kiebitzes.
In Kelheim angekommen, wo die Altmuehl in die Donau fliesst, folgten wir wieder einem grossen, aber sehr begradigten und daher teilweise etwas trostlosem Fluss. Wir haben die Staudaemme nicht gezaehlt, aber es waren einige, die wir passierten. Eine Woche spaeter erreichten wir Wien, wo es sich endlich anfuehlte, dass wir richtig reisen und nicht nur auf einer langen Radtour unterwegs sind. Wir blieben drei Naechte in wien um die Schoenheit dieser Stadt geniessen zu koennen. Wir haben uns sogar einen abend den feinsten Zwirn den wir mithaben angezogen und haben eine Oper besucht. Was eine weitere Herausforderung einer Fernradreise verdeutlicht: Die Frage "was ziehe ich denn heute abend an" ist ziemlich schnell beantwortet, da die Garderobe nur aus einer Hand voll Teilen besteht. Stattdessen gilt es herauszufinden, wie man es schafft nicht so auszusehen, als kaeme man gerade von der Tour de France.
Als wir uns aus Wien bewegten, brachten wir unsere Trainingsperiode endlich zu Ende. Wir fuehlten uns frisch und bereit fuer die kommenden Abenteuer. Am 25. Mai 2009 passierten wir den ehemaligen Eisernen Vorhang durch ein verlassenes Grenzgebaeude und fuhren nach Ungarn, wo der naechste Abschnitt unserer Reise beginnt.